DAVID GILMOUR "Rattle That Lock”



 


 

Zurücktreten bitte, Gilmour fährt ein!

Wer schon mal in Frankreich mit dem Zug unterwegs war, der kann sich vielleicht des etwas futuristisch anmutenden Soundlogos für Ansagen an den Bahnhöfen entsinnen. Es hebt sich insofern von vielen anderen ab, als das es nicht einem x-beliebigen Handyklingelton ähnelt oder dem Soundtrack zu einem Nintendo Videospiel aus den 80ern gleicht; und noch viel weniger hört es sich nach einem penetranten „Signalxylophon“ oder gar einem verstimmten Glockenspiel an. Viel mehr möchte der Autor hier die positronische Stimme einer kalten aber doch verführerischen Androide vernehmen. OK, kybernetische Zukunftsfantasien hatte David Gilmour vielleicht nicht, als er den SNCF-Jingle zum ersten Mal hörte. Doch diese kurze Tonfolge war eben andersartig genug (wie es Androide aus der Zukunft wohl auch wären), um sie als Fundament für den titelgebenden Song und erste Single des neuen Albums „Rattle That Lock“ zu verwenden.


In Folge dessen schwebt das, was für französische Zugpassagiere meist nur die Ankündigung einer weiteren Verspätung bedeutet, wie eine durchsichtige (Klang)Wolke hinter Gilmours klassischen Soundfassaden. Da freuen sich begeisterte Bahnfahrer und interessierte Rezipienten gleichermaßen.



Gemeinsam mit seiner Frau, der Schriftstellerin Polly Samson, die mit Idee, Texten und Gesang wesentlich zum Konzept des neuen Albums beitrug, erschuf Gilmour sein viertes Solo-Machwerk. Reminiszenzen an den Allzeitriesen PINK FLOYD, ob gewollt oder nicht, sind unverkennbar. Aber wen sollte das stören? Gilmour macht eben seine Musik; und sie ist auch auf „Rattle That Lock“ nicht verstaubt. Das Adjektiv, das wir hier suchen, heißt „zeitlos“. Seine Musik war es damals und ist es heute noch: Was könnte den Begriff „zeitlos“ besser beschreiben? Das Mastermind von PINK FLOYD bleibt der instrumentale Geschichtenerzähler, der musikalische Porträtist, den wir kennen.


Seine Klangwelten sind tief wie Ozeane. Sie wecken Erinnerungen. Sie sind Ton gewordene Musikhistorie. Sein filigranes Gitarrenspiel, wie eh und je auch bluesig und sich der Folkmusik bedienend, ist das stilsichere Schwergewicht, welches man sich auf einem Gilmour-Album erwartet. Alltägliche Begegnungen und Bilder werden lyrisch-lautmalerisch aufgegriffen, so ihrer vermeintlichen Profanität entledigt, um dann in akustische Gemälde transformiert zu werden.


Kybernetisch im musischen Sinne wird es dann aber doch noch, wenn unter anderem auf „The Girl In The Yellow Dress“ Elemente des Jazz, Genre übergreifend, in das sonst eher progressive Umfeld Einzug halten. Könnte man Noten olfaktorisch übersetzen, würde diese Nummer nach einem verrauchten Jazzclub riechen, in dem Tom Waits seinen achten Whisky bestellt und Charles Bukowski seine 18. Zigarette anzündet. Des Weiteren sorgen einige Gastmusikanten wie etwa David Crosby auf „A Boat Lies Waiting“ für stimmliche Polyphonie. Gilmours Sozialnetzwerk spinnt aber wenig überraschend noch weitere Fäden: Jools Holland ist am Piano auf mehreren Songs zu hören. Dasselbe gilt für den Schwiegersohn des verstorbenen Pink-Floyd-Keyboarders Richard Wright, Guy Pratt am Bass.


Das finale „And Then…“ schließt dann den Kreis tonaler Metaphern. Während auf dem Opener „5 A.M.“ instrumental der aufgehenden Sonne gleich einer seelischen Wiedergeburt gehuldigt wird, trägt die letzte Nummer mit elegischen Gitarren, prasselndem Lagerfeuer sowie dem fernen Rufen eines Kauzes das Album feierabendlich zu Grabe.



Nachdem Polly Samson die Sentenz „carpe diem“ als wichtige Inspirationsquelle für „Rattle That Lock“ nannte, macht das alles durchaus Sinn: „5 A.M.“ begrüßt den Tag, „And Then…“ verabschiedet sich nach vollbrachtem Tagewerk von selbigem. Und wahrlich, dieser Tag wurde vollends genutzt. Und morgen ist ein neuer.

 

 

Erscheinungsdatum: 18. September 2015
Label: Columbia Records

 

Tracklist

1. 5 A.M. (Gilmour)

2. Rattle That Lock (Gilmour/Samson/Boumendil)

3. Faces Of Stone (Gilmour)

4. A Boat Lies Waiting (Gilmour/Samson)

5. Dancing Right In Front Of Me (Gilmour)

6. In Any Tongue (Gilmour/Samson)

7. Beauty (Gilmour)

8. The Girl In The Yellow Dress (Gilmour/Samson)

9. Today (Gilmour/Samson)

10. And Then…..(Gilmour)

 

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