HANS PLATZ - "Timestamps" Interview

 

Mit „Timestamps“ hat der deutsche Gitarrist HANS PLATZ den "Überraschungshit" des Jahres 2013 gelandet. Vier Jahre lang hat der Musiker an seinem ersten Soloalbum geschrieben und in seinem Heimstudio produziert. Herausgekommen ist dabei ein Album, das vor starken Kompositionen, wieselflinken Arpeggios und amtlichen Rocklicks nur so strotzt.

 

Als Musiker blickt HANS PLATZ auf eine langjährige Studio- und Liveerfahrung mit verschiedensten Bands zurück. Seit 2008 greift er bei FEUERSCHWANZ, mit denen er auch schon Charterfolge feiern durfte, in die Saiten. Unterricht hatte er u.a. am Berklee College of Music in Boston und lernte auf Seminaren viel von Musikern wie dem Gypsy-Jazz Gitarristen JoschoStephan, Peter Wölpl und dem schwedischen Saitenhexer Mattias IA Eklundh, der auch ein Gastsolo zu dem Song 'Deadman' beisteuerte. Sonst noch mit dabei sind Weltklassemusiker wie Marco Minnemann (STEVEN WILSON, ARISTOCRATS, JOE SATRIANI), Wolfgang Haffner (PASSPORT, METRO, TILL BRÖNNER), T.M. STEVENS (JAMES BROWN, JOE COCKER, STEVE VAI, uvam.)

Höchste Zeit also für GuitarMania, sich mit Hans einmal ausführlich über „Timestamps“ zu unterhalten.


Hättest du gedacht, dass das  Album so begeistert aufgenommen werden würde?


Nein, das hatte ich ganz und gar nicht erwartet. In erster Linie habe ich das Album für mich gemacht und versucht, Gedanken an potentielle Zuhörer und wie das Album ankommen wird, auszublenden. Ich habe versucht mich auf mich selbst zu konzentrieren, auf das was ich kann, was ich bin, und nicht versucht wie ein anderer zu klingen.

Wichtig war mir, dass es um Musik geht, und nicht um reine Zurschaustellung von Spieltechnik. Solche Alben gibt es genug, und es wird immer jemanden geben, der technisch noch einen drauf setzt. Ich wollte immer noch Songs schreiben, zwar ohne Gesang, dafür mit aller Freiheit die man hat, wenn der Gesang fehlt, und immer mit einer Aussage/Emotion. Instrumentalmusik verhält sich zu Musik mit Gesang wie ein Buch zum Film - es regt das Kopfkino an, man muss die Bilder selbst erzeugen, man hat keinen Sänger, der einem erzählt, worum es geht.

Das die Reaktionen teilweise jetzt so euphorisch sind, hätte ich beim besten Willen nicht erwartet.



 
Was hat es mit dem Albumtitel auf sich?

„Timestamps“ - musikalische Zeitstempel. Jeder Song steht für die Zeit, in der er entstanden ist. Würde ich einen der Songs erst heute schreiben, würde etwas anderes herauskommen. Ein Song ist immer auch eine Momentaufnahme der Person, die man gerade ist, der Erfahrungen und Emotionen zu diesem Zeitpunkt. Außerdem sind recht viele unterschiedliche Taktarten auf dem Album zu finden - 7/8, 15/8, 9/8, 5/4 usw. ... da fand ich es auch schön, den Begriff ,Time‘ im Titel zu haben.




Wie lange haben die Aufnahmen gedauert, und wie bist du dabei vorgegangen (hast du daheim im Projektstudio aufgenommen, bzw. wo hat der Großteil der Aufnahmen stattgefunden)?

Angefangen habe ich vor ca. 4 Jahren, allerdings gab es immer wieder Phasen, in denen ich mehr an dem Album gearbeitet habe, und mal weniger. Die Gitarren habe ich komplett bei mir zu Hause aufgenommen und Demos vorproduziert, zu denen dann die jeweiligen Musiker mir ihre Spuren geschickt haben. Gemischt wurde dann von Fabio Trentini in einem kleinen Tal in den Dolomiten. Fabio Trentini wurde mir von Simon Michael als Bassist und Mischer empfohlen, ein echter Glücksgriff! Ich finde er hat einen fantastischen Sound gemacht, nicht zu komprimiert und mit genügend Platz für alle Instrumente.





Wie arbeitest du an deinen Kompositionen, z.B. notierst du sie aus bzw. wie hältst du deine Ideen fest?

Ich schreibe kaum etwas auf, außer wenn ich Angst habe, dass ich es gleich wieder vergesse - dann landet die Idee meistens auf irgendeinem Zettel, der gerade in der Nähe liegt. Ansonsten nehme ich oft kleine Ideen schnell mit meinem Smartphone auf. Es entsteht auch viel direkt während der Aufnahme zu den Demos, dank digitaler Technik kann man heutzutage ja relativ einfach Arrangements ändern und schnell etwas ausprobieren (und wieder verwerfen). Wenn ich dann ein Demo habe, nehme ich es mit ins Auto und höre da eine Weile rein, ändere vielleicht etwas wenn mir etwas auffällt, oder lass es eine Zeit lang liegen, um mit etwas Abstand noch mal ran zu gehen. Der Ausgangspunkt zu einem Song ist bei mir aber meistens irgendeine Art von Groove, und nie eine rein technische Idee.



Welches Equipment kam bei „Timestamps“ zum Einsatz? Wie viele Takes brauchtest du im Schnitt um die Gitarren aufs (digitale) Band zu bannen?

Aufgenommen habe ich alles mit ProTools, an Amps gab es einen alten VOX AC 30, einen Bogner XTC100b, und diverse Bodentreter, von dehnen ich viel zu viele habe. Verwendete Mikros waren ein Royer 121 und SM 57, Gitarren hauptsächlich Ibanez. Außerdem kam noch ein AXE FX Ultra zum Einsatz.

Die Anzahl der Takes ... schwer zu sagen, ganz unterschiedlich. Meistens sind die ersten Takes sowieso die besten, oft spielt man nach mehreren Takes zwar sauberer, dafür geht gerne das gewisse etwas, das Feuer, verloren. Viele der Soli sind auch improvisiert. Andere Sachen musste ich erst üben, bevor ich sie aufgenommen habe. Songwriting passiert im Kopf und nicht in den Fingern. Manchmal hört man in seinem Kopf etwas, was man nicht sofort spielen kann.




Du benutzt ja auch einen Fractal Audio Axe FX Ultra. Wie stehst du dieser Technologie gegenüber?

Positiv. Was am Ende zählt, ist das Ergebnis, und nicht, ob es Röhren, Transistoren oder Chips waren, die den Sound erzeugen. Am wichtigsten ist immer noch die spielerische Performance und der Song, und nicht, womit aufgenommen wurde. Stimmt der Ausdruck z.B. in einem Solo, hört kein Mensch darauf, ob das verwendete Mikro nicht vielleicht noch 1.5mm weiter links hätte stehen müssen um ,den‘ amtlichen Sound zu haben. Wenn es gut gespielt ist, klingt es meistens auch gut. Unabhängig vom Equipment. Das AXE (und der Kemper, den ich noch nicht ausprobiert habe) haben einen Vorteil - man kann relativ einfach und schnell gute Aufnahmen machen, bei annehmbaren Lautstärken. Das ist für einen Pragmatiker wie mich schon einiges Wert. Man kann sich auf das wesentliche konzentrieren - die Musik - und muss nicht Tontechniker spielen.


Wenn ich richtig verstanden habe, wuerde es das Album ohne T.M. Stevens so nicht geben.

"Freak Sauna" war der erste Song, der fertig war. Ich hatte einen Schlagzeuger (meinen guten Freund Wolfram Kellner), aber keinen Bass. Aus einem reinen Bauchgefühl heraus habe ich T.M.  STEVENS einfach mal eine Mail geschrieben, und siehe da, nach einer Stunde kam die Antwort seiner Managerin die meinte, ihr gefällt es, und sie wird dafür sorgen, dass T.M. sich das anhört wenn er von seiner Tour wieder zurück ist. Und so hat dann T.M. den ersten Track gespielt - das war quasi der Startschuss. Einen Song mit T.M. am Bass, so etwas wollte ich nicht in der Schublade liegen lassen und so entstand die Idee zu einem Album.

Und wie kam es dazu, dass Mattias IA Eklundh als Gastmusiker ein Solo beigesteuert hat?

Mattias Eklundh habe ich auf seinen Workshops in Schweden kennen gelernt – „Freak Guitar Camp“, eine Woche lang Gitarre pur. Kann ich jedem Gitarristen unbedingt empfehlen! Wolfgang Haffner ist ja auch ein Franke wie ich und hat eine Zeitlang zwei Dörfer weiter gewohnt. Marco war der schnellste von allen - Email geschrieben, Demospuren geschickt, innerhalb von zwei Tagen hatte ich seine Tracks. Den Song „Timestamps“ hat er sogar am Nachmittag vor einem ARISTOCRATS-Gig eingetrommelt. Andere Kontakte gingen über Empfehlungen - Pete Griffin wurde von Bryan Beller empfohlen, den wiederum hatte Marco ins Spiel gebracht, ihm kam dann aber die SATRIANI-Tour dazwischen.
 
Alles in allem ist es eine unfassbare Ehre, all diese Wahnsinnsmusiker auf meinem Album zu haben.

 



Stehst du mit den Musikern in Kontakt, bzw. haben sie das ganze Album schon gehört?

Ja, jeder hat ein paar Kopien zugeschickt bekommen. Und sie sind alle begeistert - sagen sie jedenfalls :-)

 

Lass uns über deinen Werdegang sprechen. Seit wann spielst du Gitarre und wer waren deine größten Einflüsse?

Ich habe recht spät angefangen. Meine erste eigene Gitarre habe ich mir zum 16ten gegönnt, nachdem ich vorher immer auf der Ukulele meiner Schwester herum geklimpert habe. Einflüsse ... ganz am Anfang sicherlich STEVE VAI, JOE SATRIANI, Bands wie METALLICA, RAGE AGAINST THE MACHINE, IRON MAIDEN ... später hat sich dann der musikalische Horizont zum Glück etwas erweitert. PACE DE LUCIA, JEFF BECK, AL DI MEOLA, PRINCE, MIKE STERN, PAT METHENEY,.... bunt gemischt und erlaubt ist, was gefällt. 


In diesem Zusammenhang würde uns auch interessieren, welches die fünf für deine musikalische Entwicklung wichtigsten Alben sind (und warum)?


STEVE VAIs „Passion and Warfare“ - Das dürfte meine erste Instrumental-Platte gewesen sein. Legendär! (zur Classic Review)
JOE SATRIANIs „Surfing with the Alien“Auch ein Aha-Elebnis in Punkto E-Gitarre und Solospiel. (zur Classic Review)

AL DIE MEOLA, PACO DE LUCIA, JOHNs „Friday Night in San Francisco“ - Aha, auf Akustikgitarren kann man also nicht nur Lagerfeuer-Akkorde spielen ;-) JEFF BECK (alles): Unglaubliche Technik, und zwar nicht um möglichst viele Noten in möglichst kurzer Zeit zu spielen, sondern um auf zig verschiedene Arten einen einzigen Ton zu formen.

Alle Alben, die man hört: Irgendeinen Eindruck bzw. Einfluss hinterlässt es immer, sowohl die guten als auch die schlechten.


Wie und wo hast du dein theoretisches Hintergrundwissen erworben?

Richtigen Gitarrenunterricht hatte ich nur im ersten Jahr. Danach habe ich immer mal wieder Workshops besucht und mir da herausgepickt, was mir gefallen hat. Außerdem habe ich einen Sommerkurs am Berklee College Of Music in Boston besucht, das hat ganz gute Fundamente gelegt. Ansonsten habe ich mir auch viel selbst beigebracht und erarbeitet. Ich war nie jemand, der den Ehrgeiz hatte, komplette Songs und Soli anderer Leute nachzuspielen, ich wollte immer nur den Teil spielen, der mir gefällt, und verstehen, warum er mir gefällt um das dann selbst irgendwie verwenden zu können. Der kreative Aspekt ist und war mir immer wichtiger, als etwas 100%ig perfekt nachspielen zu können.


Gibt es einen bevorzugten Mode, bzw. auch eine Tonart, in der du bevorzugt spielst?

Momentan gefallen mir leicht orientalisch/spanisch angehauchte Sounds ganz gut. „Freak Sauna“ basiert auf einer indischen Tonleiter, „Timestamps“ auf einer Variante der phrygischen Tonleiter, bei der noch die große Terz und Septime dazu kommt (hat also sowohl Dur- als auch Mollterz), „Spanish Race“ ist auch weitesten Sinne phrygisch mit einem indischen Touch.


STEVE LUKATHER meinte einmal, dass man, kurz umschrieben, an die zehn- bis zwanzigtausend Übungs- und Proberaumstunden investieren müsse, um ein guter Musiker zu werden. Wie siehst du das? Hat es bei dir auch Übungsroutinen gegeben, wo du an die zehn Stunden am Tag an deiner Gitarre gesessen bist?

Ja, die gab es in meiner Jugend. Da bin ich teilweise von der Schule heim gekommen und habe Gitarre gespielt, bis ich ins Bett bin. Und vor meiner Zimmertür saß unsere Katze, und hat mit gejault. Hat mir zumindest meine Mutter immer erzählt. Ob ich in Summe auf diese Stundenzahl komme - keine Ahnung, ist aber auch nicht so wichtig, solange es Spaß macht. Inzwischen spiele ich mehr als dass ich wirklich übe.

Was würdest du einem angehenden Musiker empfehlen, wie er/sie sein Spiel weiterentwickeln kann? Auf was sollte man achten, wobei erzielt man die größten Fortschritte?

Unterschätzt nicht die Rhythmusgitarre und ein gutes Timing! Musik besteht aus Melodie, Harmonie, und Rhythmus - und mindesten 50% davon ist der Rhythmus. Wenn es nicht groovt, hilft das beste Solo nicht. Außerdem: Sobald wie möglich in Bands spielen, eine Probe bringt mehr als zehn Unterrichtsstunden. Auf den Drummer hören - wo ist die Kick, die Snare.



Seit 2008 bist du ja auch mit FEUERSCHWANZ als Hans der Aufrechte unterwegs. Was sind hier die größten Herausforderungen für dich als Gitarrist?

Spielerisch eher wenig, worauf es hier ankommt, ist als Gitarrist genug Platz für die akustischen Instrumente zu lassen und eine gute Show zu liefern. Aber auch ein vermeintlich einfacher Song muss erstmal gut gespielt werden und grooven.

Wie kann man heutzutage als professioneller Gitarrist seinen Lebensunterhalt verdienen?

Im Endeffekt muss man sich entscheiden, was man will. Will ich mich von der Musik(-Industrie) abhängig machen, oder will ich die Freiheit haben, zu machen was ich will. Da kann es auch OK sein, seinen Lebensunterhalt zumindest teilweise mit ganz anderen Sachen zu verdienen. Da geht der Trend in heutigen Zeiten eh immer mehr hin. Ansonsten gibt es keine Blaupause für den Berufswunsch „Musiker“.

Wie geht es jetzt weiter bei dir? Gibt es Pläne, die Stücke deiner Solo-CD live auf die Bühne zu bringen?

Ja, Pläne gibt es tatsächlich. Allerdings ist das noch nicht spruchreif, und ich wollte zuerst sehen, ob überhaupt irgendjemand hören will, was ich da so mache.

Wie und wo kann man dein Soloalbum erwerben?

Das Album gibt es auf meiner Homepage für 15 Euro zu bestellen (www.hansplatz.de), außerdem bekommt man es auch bei Amazon, digital bei iTunes, und auch in vielen Plattenläden! Da ich sozusagen meine eigene Plattenfirma bin (und das meiste selbst finanziert habe), bleibt auch relativ viel bei mir hängen - für mich ist jede einzelne verkaufte CD wichtig.

Vielen Dank für das Interview, und viel Glück für die weitere Zukunft.

Danke, Dir auch!

 

www.hplatz.de